Die Amazonasprovinz Napo

Die Provinz Napo war ursprünglich so groß wie das heutige Belgien (33.200 km²) und gehörte aufgrund ihrer geringen Bevölkerungszahl (ungefähr 270.000 Einwohner) zu einer der dünnbesiedeltsten Regionen Ecuadors.
Wegen den enormen Distanzen zwischen der Provinzhauptstadt Tena und den im Osten liegenden Kantonen wurde diese Provinz vor sechs Jahren in zwei Provinzen unterteilt - in die Provinz Francisco de Orellano (22.270 km² - Provinzhauptstadt Coca) und in die Provinz Napo (11.930 km² - Provinzhauptstadt Tena). Dadurch wurde aus der einstmals größten Provinz Ecuadors, eine der kleinsten und sie verlor deutlich an politischer und vor allem wirtschaftlicher Bedeutung. Das heutige Napo besteht aus den vier Kantonen Tena, Archidona, Baeza und Quijos. Die offizielle Gesamteinwohnerzahl der Provinz liegt bei 92.000. Sie dürfte aber ca. 20 bis 30 % höher liegen, da ein Grossteil der hier dominierenden indigenen Bevölkerungsgruppe, der Quichuas del Oriente, und besonders deren Kinder, nicht offiziell registriert sind und die letzten demografischen Umfragen mehr als
10 Jahre zurückliegen. Karte des östlichen Ecuadors und seine Provinzen

In Tena, der größten Stadt der Provinz Napo, wohnen heute nach Schätzungen 22.000 Menschen. Im gesamten Kanton Tena sind es etwa 53.000. Die Bevölkerung hat sich hier in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt.
Die Bewohner der Provinz Napo setzen sich aus colonos und den Ureinwohnern den Quichuas del Oriente zusammen. Als colono (span.: Siedler) werden hier diejenigen Einwohner bezeichnet, die sich, egal ob vor 400 oder vor zwei Jahren, in diesem Gebiet angesiedelt haben. Ein Großteil der colonos sind arme Bauern. Zu den Colonos zählt man die Serranos, Zuzügler aus den überbevölkerten Andenprovinzen Ecuadors, die meistens Mestizen aber auch Indígenas (dies ist die politisch korrekte Bezeichnung für die Ureinwohner Ecuadors) sind,
Tena schmiegt sich an den Fuß der Anden Costeños (Küstenbewohner), die
hauptsächlich durch den Erdölboom Anfang der 70er Jahre in die Amazonasgebiete kamen, Blancos (Weiße oder Kreolen), Nachfahren der ehemaligen Großgrundbesitzer, sowie auch die kleine Gruppe von Gringos (hellhäutige Ausländer), die neben Entwicklungshilfearbeiten, hauptsächlich im Tourismusgeschäft tätig sind.

Neben den Quichuas del Oriente gibt es mit den Shuar-Ashuar, den Huaorani-, den Cofane-, den Zaparo-, den Siona-,und den Secoya-Indígenas insgesamt noch sechs weitere indigene Bevölkerungsgruppen im Oriente Ecuadors, welche allerdings grösstenteils in den drei anderen Amazonas-Provinzen leben.

Die Provinzhauptstadt Tena, die selbst keine verarbeitende Industrie besitzt, wird ausschließlich vom Einzelhandel geprägt. Hier dominiert hauptsächlich der An- und Verkauf von Primärprodukten (Holz, Kakao, Reis, Mais, Rindfleisch, Kaffee etc.) durch Zwischenhändler und der Verkauf von Lebensmitteln, Haushaltsartikeln, Kleidung und sonstigen lebensnotwendigen Produkten. Es existieren viele kleine Handelsmärkte auf denen Material und Gerätschaften für den Bau und die Landwirtschaft verkauft werden. Diese Geschäfte werden fast ausschließlich von colonos dominiert. Generell konzentriert sich die wirtschaftliche und politische Macht in Tena, neben dem Militär,
insbesondere auf die blancos aus einigen Sammel- und Handelsposten für Kakaosamen in Tena
wenigen Familien und liegt nicht in der Hand der Quichuas del Oriente.

In jüngster Zeit gewinnt ein weiterer Wirtschaftszweig an Bedeutung. Es gibt Vorhaben vor allem im Kanton Tena, die Flussterrassen des Rio Napo und seiner Nebenflüsse auf Gold bzw. Goldseifen zu untersuchen. Durch die Ansiedlung ausländischer Bergbaugesellschaften soll es laut einiger politischer Führer zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in dieser Region kommen. Die Vergabe der Schürflizenzen durch den Staat, die bereits erfolgt ist, sowie das Vorgehen der betreffenden kanadischen Minengesellschaften sind allerdings als äußerst fragwürdig einzustufen. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Region diese Form des "wirtschaftlichen Aufschwungs“, der tiefgreifende Einschnitte in das ökologische Gleichgewicht des Regenwaldes mit sich bringen würde, erspart bleibt.


Der letzte wichtige Wirtschaftszweig in der Provinz Napo ist der Tourismus. Es gibt eine grosse Zahl von Reiseagenturen die so genannten Ökotourismus mit Dschungeltouren und Rafting auf den von den Anden kommenden Wildwasserflüssen anbieten. Hervorzuheben sind hierbei die von indigenas geführten Organisationen in Tena wie die RICANCIE oder die Agentur Sacharicsina, die Touristen an kleine Dorfgemeinschaften (span.: comunidades) weitervermittelt und so der indigenen Bevölkerung ermöglichen, am Profit, der mit ihrem Regenwald erwirtschaftet wird, teilzuhaben. Der Tourismus fördert indirekt auch die Infrastruktur und Kommunikations-möglichkeiten der Region. In Tena findet man heute Internetcafés und man kann inzwischen sogar an einigen Stellen mit dem Handy aus dem Dschungel nach Quito oder Deutschland telefonieren!

Markus Geupel © 2007